Teil I: Warum kaputte Stimmen schön sind – Das reibende Timbre des Tom Waits –

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Was fasziniert mich so an Tom Waits ? Seine Stimme widerspricht jedem Ideal und jeder Vorstellung von einer gesunden Stimme. Und doch bin ich immer wieder bewegt wenn ich Tom Waits höre. Egal ob er singt oder spricht.

Der junge Tom Waits hatte auf seinen ersten Platten „Closing Time“ (1973) und „The heart of Suturdaynight“ (1974) eine gesunde Stimme. Hörbar durch einen sauberen Stimmschluss, eine astreine Modulationsfähigkeit und ein schniekes Vibrato.

Mit „Nighthawks at the Diner“ im Jahr 1975 änderte sich seine Stimme. Sie wurde rauher und klang kratziger. Die Vermutung liegt nahe dass Zigaretten in Kombination mit Alkohol einiges zu seiner Stimmveränderung beigetragen haben. Drei Jahre nach seiner ersten Platte hatte Waits auf dem 1976 erschienen Album „Small Change“ seine typisch grummelige Stimmgattung entwickelt. Mit dem ersten Song „Mathilda“ geht seine Stimme diese unvergleichliche Verbindung aus Ballade und leidenschaftlicher, rauher Klage ein.

https://www.youtube.com/watch?v=sNC2iLh9ERA

Möchte man auch eine Stimme wie die des Herrn Waits bekommen, wartet man einfach die nächste Erkältung ab. Wenn der Kehlkopf mit Zigaretten und Alkohol ausreichend versorgt und an der Regeneration lange genug gehindert wird, verändert sich die Schleimhautstruktur an den Stimmlippen so, dass die Schwingungsfähigkeit der Stimmlippen durch veränderte Masseverhältnisse und Veränderung der Gewebsstrukturen verloren geht. Wird dann die Stimme noch weiter strapaziert entstehen bestenfalls Verhornungen auf den Stimmlippen und eine echte Tom Waits-Stimme entsteht  …

Niemand wird das wirklich wollen – einem Waits scheint es egal zu sein wie sich seine Stimme im Laufe der Zeit verändert hat. Sie ist zu seiner charakteristischen, künstlerischen Ausdrucksform geworden, die mit einer gewissen destruktiven Lebenshaltung kokettiert.

Das Bemerkenswerte für mich ist, dass Tom Waits mit seiner kaputten Stimme an Ausdrucksfähigkeit gewonnen hat und seine Bandbreite an stimmlichen Facetten breiter geworden ist. Von der pathologischen Seite könnte man einwenden, seine Stimme klingt brüchig, teilweise diplophon, heiser, behaucht, knarrend in Stimman- und absatz. Gleichzeitig klingt Tom Waits‘ Stimme in Ihrem ganz besonderen Klangspektrum flexibel, „angeschlossen“, nicht gedrückt und damit einzigartig und absolut authentisch. Und da ist jemand, der singt ohne dass es ihn schert wie es klingt, der singt weil diese Form des Selbstausdrucks um seiner selbst willen geschieht. Ein Musiker der sich konsequent den Hörerwartungen eines breiten Publikums verweigert.

Für mich liegt in der Stimme von Tom Waits eine unvergleichliche Melancholie und Zärtlichkeit. In ihr formuliert sich eine so große Leidenschaftlichkeit, dass es mich in meinem Innersten immer wieder zu tiefst berührt und bewegt.

Quellen des Bildmaterials:

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http://www.anti.com/artists/tom-waits/